Wie äußert sich klassistische Ausgrenzung im Kulturbereich – Gastbeitrag von Daniel Fischer

Zunächst: Ich bin sehr dankbar für diesen Kontext. Danke Verena und allen Mitorganisierenden der Anonymen Arbeiterkinder.
Ich schreibe als Soziologe und Musiker, und beziehe mich in diesem Beitrag konkret auf die Frage „Wie äußert sich klassistische Ausgrenzung im Kulturbereich“, die ich auch in dem Meeting am Dienstag angesprochen habe und die mir im Nachgang auf überraschende Art und Weise erneut begegnet ist.
In dem Meeting hatte ich über den Begriff „Kommerz“ gesprochen. Und dass es meine Erfahrung ist, dass es generell im Kulturbereich zum guten Ton gehört, sich von Kommerz zu distanzieren. Womit erstens ein Geschmacksurteil gemeint ist (eine Performance ist zu wenig komplex, zu seicht, zu primitiv, „weshalb“ sie zu breite Zuhörerschaften erreicht und darum nicht zur Distinktion taugt), und zweitens auch eine quasi als Leidenschaftsnachweis verlangte Nachsicht was Honorierung angeht, sowohl was die Höhe der Honorare anbelangt sowie die als grundsätzlich vorausgesetzte Bereitschaft, auch mal unbezahlt zu arbeiten (Angebote, Inhalte zu erarbeiten,  PR-Auftritte zu spielen usw.). Carl Spitzwegs „armer Poet“ dient vielen als Sinnbild dieser Geisteshaltung des idealistisch motivierten Verzichts, der letzten Endes nicht mal ein Verzicht ist, weil er die Bedürfnisse gar nicht hat oder kennt. Als aktivem Jazzmusiker in München begegnet mir dieses Stigma des Kommerzes in vielerlei Hinsicht: In Pressetexten, Förderrichtlinien, Diskussionen im Kollegenkreis, in Auseinandersetzungen mit Veranstaltern, in journalistischen Texten usw. Mein Empfinden ist, dass ich als Arbeiterkind in vielerlei Hinsicht durch diese Anti-Kommerz-Rhetorik betroffen bin. Zum einen, weil für mein Elternhaus populäre, auch kitschige, folkloristische, einfache Kultur eine große und wichtige Rolle spielt, Breitenwirksamkeit dort eher ein Nachweis für echten Erfolg und somit erstrebenswert ist, und gemeinsames, auch „unkultiviertes“ Er- und Ausleben von Freude wichtiger ist, als distingiertes „über Musik reden“. Und diesem Zugang zur Musik verdanke ich schlichtweg alles, was ich musikalisch erreicht habe. Distanzierung von Kommerz bedeutet für mich also irgendwo auch: Verrat an meiner Herkunft. Zum anderen ist es für mich als Arbeiterkind absolut essentiell, Geld zu verdienen mit Kunst; weil ich es brauche und auch weil die Rede von (und die Warnung vor) der „brotlosen Kunst“ zum Grundwissensbestand eines Arbeiterkindes gehört und ich mich darum innerlich unter großem Druck wähne, dies zu widerlegen. Das habe ich alles gestern in dem Meeting so geschildert, soweit für die die dabei waren nichts neues.
Jetzt habe ich gestern nach dem Meeting, in dem Verena den Namen Francis Seeck erwähnt hatte, noch ein Interview mit Francis gehört zu dem Sammelband der bei Unrast veröffentlicht wurde: https://www.youtube.com/watch?v=bp1j6glOW1w&feature=emb_title Darin sagt sie (bei 2:35), es wäre Ihr (oder den Herausgebenden) wichtig gewesen, das Buch bei einem „nicht-kommerziellen, linken Verlag zu veröffentlichen, der sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt und jetzt nicht versucht damit total viel Profit zu machen“. Ich fand diesen Zufall einfach bemerkenswert. Ich bin fernab davon, das Francis Seeck vorzuwerfen, ich glaube eher, solche Sätze „sagen sich“ quasi von selbst, was eher darauf hinweist, wie sehr diese Rhetorik innerhalb des kulturellen, auch kulturwissenschaftlichen Feldes zum „guten Ton“ gehört. Denn warum soll es falsch sein, mit guten und wichtigen Büchern Geld zu verdienen? Werden aus Umsätzen, die ein Verlag erwirtschaftet, nicht auch Gehälter, sowie Lektorate und andere Dienstleistungen aus der Branche bezahlt? Wie soll „Profit machen“ funktionieren, ohne große Reichweite zu erzielen und ist das nicht im Sinne des Herausgebenden?
Inwiefern produziert man weniger soziale Gerechtigkeit, wenn ein Buch ein Kassenschlager wird, das soziale Gerechtigkeit thematisiert? Auch ich selbst sage solche „gefälligen“ Sätze manchmal, auch ich bediene solche Semantiken manchmal, man übernimmt diese Rhetorik gelegentlich, manchmal gezielt, manchmal unbewusst. Auf die Frage: „What’s classy if your’re rich, but trashy if you’re poor?“ antworte ich: Wer kein Geld verdienen muss, oder ein sicheres Vertrauen darauf hat, über Umwege Geld zu verdienen, der tut sich leichter mit Idealismus- und Bescheidenheitsgestus. Wer Geld verdienen muss oder es als Stigma empfindet, wenig Geld zu verdienen, der tut sich mit damit schwerer.
Meine Fragen an andere, gerade auch aus Nicht-Musik-Kontexten: Gibt es dieses (Anti-)Kommerz-Denken dort auch?

Tut ihr euch auch schwer damit, über Geld zu reden? Schwerer oder auf andere Art und Weise schwer, als ihr es bei anderen beobachtet? Habt Ihr euch auch mal gefragt: „Alle reden über Geld, als ob es etwas ist, für das man sich schämen müsste – ich aber schäme mich, weil ich es will und brauche?“ www.danielfischer.org

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